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Tansania

Julius Nyerere

Nyereres Vermächtnis
Tansania ist nun etwa ein halbes Jahrhundert alt. Es verdankt Julius Nyerere viel, der das Land in den ersten 25 Jahren seiner Unabhängigkeit regierte. Nyerere, der von einer egalitären Gesellschaft träumte, führte Suaheli als einigende Landessprache ein, förderte die Ideale der ujamaa (Familie) und politische Initiativen auf regionaler Ebene. Dank dieser Vision ist Tansania heute einer der stabilsten Staaten Afrikas ohne religiöse und ethnische Konflikte.

Wirtschaftliche Probleme
Leider ist die wirtschaftliche Lage des Landes deutlich weniger rosig. Im Human Development Index der UNDP rangiert Tansania ganz weit unten (Rang 148 von 169 erfassten Ländern), und für zahlreiche Tansanier ist das Leben ein täglicher Kampf. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 15 Prozent, und darüber hinaus ist Unterbeschäftigung weit verbreitet.

Situation in Tansania

Die Wirtschaftsmagazine und Fachleute überschlagen sich vor Begeisterung: Seit mehreren Jahren überzeugt Tansania mit konstant hohen Wirtschaftswachstumsraten, und steckt dabei sogar locker Kenia in die Tasche. Im ersten Quartal 2013 ist die Wirtschaft um sagenhafte 7,5 Prozent gewachsen. Die Wirtschaftslokomotiven sind dem Bergbau und Bodenschätzen, dem Bausektor, der Kommunikationsbranche, dem Tourismus und der Entwicklungshilfe geschuldet.

Doch die Jubelmeldungen täuschen darüber hinweg, dass 90 % der Bevölkerung am gesamtwirtschaftlichen Wachstum nicht partizipiert. Der Human Development Index 2013 der Vereinten Nationen setzt Tansania auf Rang 152 von 186 Ländern. Armut ist und bleibt besonders in ländlichen Gegenden das zentrale Thema – zwei Drittel der Tansanier leben von weniger als USD 1,25 pro Tag. Hand in Hand mit der Armut gehen unzureichende Schul- und Ausbildung, fehlendes Wissen um die beiden großen gesundheitlichen Geißeln des Landes, Malaria und Aids, sowie der weiter zunehmende Bevölkerungsdruck bei ständig sinkenden Nutzflächen und Erträgen.

tansania-1In den letzten Jahren haben zudem Teuerungswellen das Land erfasst, die alle Bereiche des täglichen Lebens betreffen. Die Preise explodieren, egal ob für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais oder Mehl, für Benzin/Diesel, Strom, Zement oder Holz. Gerade die Verteuerungen alltäglicher Waren wirken sich dramatisch auf die Lebenssituation der Menschen aus.

Der erstarkte Privatsektor in den Städten darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auf institutioneller und politischer Ebene nur wenig getan hat. Wer ein Unternehmen in der Dienstleistungsbranche hat, beklagt die schlecht ausgebildeten Mitarbeiter und deren mangelnde Leistungsbereitschaft. Anderen macht die starke Abhängigkeit vom Import zu schaffen. Da nichts im eigenen Land produziert wird, muss faktisch alles, von Computern über Fahrzeuge, Brennstoffe und Kleidung bis hin zu Möbeln, Geschirr oder Büchern eingeführt werden. Zölle, Schikanen bei der Einfuhr und andere Importbarrieren machen gerade den Mittelstand anfällig für behördliche Willkür. Die Weltbank setzt Tansania auf Platz 145 (von 189 Ländern); wenn es um das für eine Geschäftseröffnung günstige Klima geht. Kritisiert werden u.a. eine ausufernde Bürokratie und Korruption, Schwierigkeiten beim Erwerb von Grundstücken und Immobilien oder beim Erhalt von Baugenehmigungen, Probleme in der Stromversorgung, beim Im- und Export sowie hohe Zölle.

tansania-2All diese Gründe machen Investitionen nur für solche Investoren interessant, für die Geld keine Rolle spielt und die über die entscheidenden Beziehungen verfügen. Dazu zählen der Bergbau, große arabische oder indische Hotel- und Bauprojekte oder auch die Telekommunikationsbranche. Alle genannten Sektoren stehen vor den gleichen Herausforderungen: Die Investitionen sind äußerst kapitalintensiv, während sie vergleichsweise wenig Arbeitsplätze schaffen. Es profitieren nur wenige, darunter korrupte Politiker, heimische Großindustrielle und die ausländischen Geldgeber.

Ähnlich ergeht es der Entwicklungshilfe und ausländischer Finanzhilfe. Tansania ist hinter Kongo und Äthiopien der drittgrößte Empfänger von internationalen Geldern. Zu den Geberländern zählen China, die EU, die Vereinigten Staaten, Südafrika und Indien. Sie finanzieren vor allem große bis sehr große Projekte im Straßen- und Eisenbahnbau, im Bergbau und zu geringeren Teilen in der Agrarwirtschaft sowie im Tourismus. Die Hilfe kommt aber nicht dort an, wo sie soll – bei den Menschen im Dorf, die von der Hand in den Mund leben.

tansania-3Korruption stellt eines der größten Hemmnisse für die Entwicklung des Landes dar. Ob in der Wirtschaft, der Politik oder sogar im privaten Bereich: Sie terrorisiert und lähmt das Land. Dass Politiker Geld von Entwicklungsprojekten abzweigen, mag vielleicht nicht überraschen. Aber auch Wirtschaftstreibende müssen bestechen um die Waren importieren zu können, um Aufenthaltsgenehmigungen und Geschäftslizenzen zu erhalten oder um ein Fahrzeug anzumelden. Im täglichen Straßenverkehr schikanieren korrupte Polizisten Einheimische und Ausländer. Mit Geld kann man die Justiz beugen, den Universitätsabschluss des Sohnes fingieren oder eine adäquate Behandlung im Spital erkaufen.

Ähnlich problematisch steht es um die Infrastruktur. Die Stromkapazitäten sind unzureichend ebenso wie die Wasserversorgung. Ein wenig Besserung ist im Straßenbau zu sehen, wo unter dem beliebten Minister John Magufuli binnen kürzester Zeit viele lang angekündigte oder stillstehende Straßenbauprojekte vorangetrieben wurden. Dennoch ist das Verkehrswesen bei Weitem nicht so leistungsfähig wie es für ein Land mit derartigen Wachstumsraten sein sollte.

tansania-4Bei aller Euphorie über den Aufschwung bleibt die Nachhaltigkeit offen. Die Wirtschaftsleistung ist auf Profitmaximierung ausgerichtet, was weder den Großinvestor noch den mittelständischen Jungunternehmer ausnimmt. Investitionen müssen sich sofort amortisieren; für Amortisationszeiten von Bauprojekten wie im Westen von 20 – 25 Jahren oder länger haben Tansanier höchstens ein mildes Lächeln übrig. Einheimische Unternehmer zahlen ihren Angestellten noch geringere Gehälter als Expats und investieren selten in Mitarbeiterqualifizierung. Geringes betriebswirtschaftliches Wissen wird durch hohe Verkaufspreise kompensiert; es herrscht wenig Bewusstsein für Qualität, Kundenfreundlichkeit oder gar ökologische Überlegungen.

Schwer quantifizierbar ist der informelle Sektor, der sowohl in ländlichen Gegenden als auch in der Stadt das Wirtschaftsleben beherrscht und kulturell tief verwurzelt ist. So basiert nahezu die gesamte Grundversorgung der Bevölkerung auf informeller Wirtschaftsleistung, egal ob durch Fischer von nebenan oder die Tomatenverkäuferin von der Straße.