Tansanias Geschichte

Nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit während des Ersten Weltkriegs wurde das Gebiet unter den Siegermächten Großbritannien, Belgien und Portugal aufgeteilt. Das Gebiet „Tanganyika Territory“ ging unter einem Völkerbundmandat an Großbritannien. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Tanganjika UNO-Mandatsgebiet unter britischer Herrschaft.

Julius Nyerere

1954 organisierte der Lehrer Julius Nyerere eine politische Partei, die Tanganjika African National Union (TANU). Im Mai 1961 errang Tanganjika die Autonomie und Nyerere wurde Premierminister unter einer neuen Verfassung. Die volle Unabhängigkeit wurde am 9. Dezember 1961 erreicht. Nyerere wurde zum Präsidenten gewählt, als Tanganjika eine Republik im Commonwealth wurde. 1964 schließen sich die Staaten Tanganjika und Sansibar zur Vereinigte Republik Tansania zusammen. In den ersten 25 Jahren seiner Unabhängigkeit wurde das Land von Nyerere regiert. Er träumte von einer sozialistischen Gesellschaft, führte Suaheli als einigende Landessprache ein, förderte die Ideale der Ujamaa (Familie) und politische Initiativen auf regionaler Ebene.

Dank seiner Visionen ist Tansania heute einer der stabilsten Staaten Afrikas ohne größere religiöse und ethnische Konflikte. Die schwere Wirtschaftskrise ab den späten 1970er Jahren machte Reformen unvermeidlich. Die staatlich kontrollierte Ökonomie wurde nach und nach in eine liberale Marktwirtschaft umgewandelt, der Marktzugang ausländischen Investoren erleichtert. Die Einparteiregierung wurde 1995 mit den ersten parlamentarischen Wahlen beendet. Seit 2015 ist als fünfter Präsident John Magufuli im Amt.

Tansanias Wirtschaft

Tansania gehört trotz seiner wirtschaftlichen Wachstumsraten zu den ärmsten Ländern der Welt. Das BIP pro Kopf betrug 2017 3240 USD. Im Human Development Index der UNDP rangiert Tansania im untersten Sechstel (Stand 2019: Rang 159 von 189 erfassten Ländern). Für zahlreiche Tansanier ist das Leben ein täglicher Kampf. Die offizielle Arbeitslosenquote wird offiziell mit etwa 13 Prozent angegeben, dürfte aber deutlich darüber liegen. Das durchschnittliche Monatseinkommen lag 2017 bei 76 USD, der Anteil der öffentlichen Entwicklungshilfe beträgt dagegen 40 USD pro Kopf.

Mit einem Bruttoinlandsproduktanteil von 46 Prozent hängt Tansanias Wirtschaft zum Großteil von der Leistung des Agrarsektors ab. In der Landwirtschaft sind mehr als 75 % der Beschäftigten tätig. In Tansania wird vorwiegend Subsistenzwirtschaft betrieben. Zu den wichtigsten Exportgütern aus Tansania zählen Produkte wir Kaffee, Baumwolle, Sisal, Tabak und Tee, vor allem aber Kautschuk und Gewürznelken. Die Entwicklung hinsichtlich der landwirtschaftlichen Exportproduktion ist grundsätzlich auf einem guten Wege, jedoch werden immer noch überwiegend Rohprodukte exportiert. Die Veredelung, die eine deutlich höhere Gewinnspanne bringen würde, wird wegen fehlenden Kapitals, Kapazitäten und ausgebildeten Fachkräften immer noch anderen Ländern überlassen. Dringend geboten ist demzufolge die Diversifizierung der Exportpalette und der Devisenquellen. Die Industrie in Tansania ist geringfügig und beschränkt sich auf die Nahrungsmittelindustrie und Erdöl-Raffinerien.

Seit mehreren Jahren überzeugt Tansania mit konstant hohen Wirtschaftswachstumsraten. Im Jahr 2019 betrug das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in Tansania geschätzt rund 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahlen täuschen jedoch darüber hinweg, dass 90 % der Bevölkerung am gesamtwirtschaftlichen Wachstum nicht partizipiert. Armut ist und bleibt besonders in ländlichen Gegenden das zentrale Thema – zwei Drittel der Tansanier leben von weniger als USD 1,25 pro Tag. Hand in Hand mit der Armut gehen unzureichende Schul- und Ausbildung, fehlendes Wissen um die beiden großen gesundheitlichen Geißeln des Landes, Malaria und Aids, sowie der weiter zunehmende Bevölkerungsdruck bei ständig sinkenden Nutzflächen und Erträgen.

In den letzten Jahren haben zudem Teuerungswellen das Land erfasst, die alle Bereiche des täglichen Lebens betreffen. Die Preise explodieren, egal ob für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais oder Mehl, für Benzin/Diesel, Strom, Zement oder Holz. Gerade die Verteuerungen alltäglicher Waren wirken sich dramatisch auf die Lebenssituation der Menschen aus.

Der erstarkte Privatsektor in den Städten darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auf institutioneller und politischer Ebene nur wenig getan hat. Wer ein Unternehmen in der Dienstleistungsbranche hat, beklagt die schlecht ausgebildeten Mitarbeiter und deren mangelnde Leistungsbereitschaft. Anderen macht die starke Abhängigkeit vom Import zu schaffen. Da nichts im eigenen Land produziert wird, muss faktisch alles, von Computern über Fahrzeuge, Brennstoffe und Kleidung bis hin zu Möbeln, Geschirr oder Büchern eingeführt werden. Zölle, Schikanen bei der Einfuhr und andere Importbarrieren machen gerade den Mittelstand anfällig für behördliche Willkür. Die Weltbank setzt Tansania auf Platz 141 von 189 Ländern (Stand 2019), wenn es um das für eine Geschäftseröffnung günstige Klima geht. Kritisiert werden u.a. eine ausufernde Bürokratie und Korruption, Schwierigkeiten beim Erwerb von Grundstücken und Immobilien oder beim Erhalt von Baugenehmigungen, Probleme in der Stromversorgung, beim Im- und Export sowie hohe Zölle.

All diese Gründe machen Investitionen nur für solche Investoren interessant, für die Geld keine Rolle spielt und die über die entscheidenden Beziehungen verfügen. Dazu zählen der Bergbau, große arabische oder indische Hotel- und Bauprojekte oder auch die Telekommunikationsbranche. Alle genannten Sektoren stehen vor den gleichen Herausforderungen: Die Investitionen sind äußerst kapitalintensiv, während sie vergleichsweise wenig Arbeitsplätze schaffen. Es profitieren nur wenige, darunter korrupte Politiker, heimische Großindustrielle und die ausländischen Geldgeber.

Ähnlich ergeht es der Entwicklungshilfe und ausländischer Finanzhilfe. Ein großer Teil der internationalen Entwicklungszusammenarbeit in Tansania konzentriert sich mit über einem Drittel auf den Gesundheitssektor. Weitere Bereiche sind der Ausbau von Infrastruktur und Bildungseinrichtungen. Neben Deutschland sind die wichtigsten bilateralen Partner Tansanias die USA, Großbritannien, Japan und die skandinavischen Staaten, vor allem Schweden und Dänemark. Des Weiteren ist China als verstärkter Akteur zu einem engen Partner für Tansania geworden. Vor allem in den Bereichen Infrastruktur, im Gesundheit- und Bildungssektor sowie in der militärischen Unterstützung erfolgten zahlreiche Investitionen von Seiten der Volksrepublik und wird daher von der tansanischen Regierung als Geschäftspartner geschätzt. Jedoch ist die Rolle Chinas in der Entwicklung Tansanias umstritten: Korruptionsvorwürfe und Ausbeutung von Tansanias natürlichen Ressourcen sind wiederkehrende Kritikpunkte an Chinas Tansaniapolitik.

Korruption stellt eines der größten Hemmnisse für die Entwicklung des Landes dar. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International belegt es den 96. von 198 Plätzen (Stand 2019). Ob in der Wirtschaft, der Politik oder sogar im privaten Bereich: Sie terrorisiert und lähmt das Land. Dass Politiker Geld von Entwicklungsprojekten abzweigen, mag vielleicht nicht überraschen. Aber auch Wirtschaftstreibende müssen bestechen um die Waren importieren zu können, um Aufenthaltsgenehmigungen und Geschäftslizenzen zu erhalten oder um ein Fahrzeug anzumelden. Im täglichen Straßenverkehr schikanieren korrupte Polizisten Einheimische und Ausländer. Mit Geld kann man die Justiz beugen, den Universitätsabschluss des Sohnes fingieren oder eine adäquate Behandlung im Spital erkaufen.

Ähnlich problematisch steht es um die Infrastruktur. Die Stromkapazitäten sind unzureichend ebenso wie die Wasserversorgung. Ein wenig Besserung ist im Straßenbau zu sehen, wo in den letzten Jahren viele lang angekündigte oder stillstehende Straßenbauprojekte vorangetrieben wurden. So wird derzeit eine moderne Eisenbahntrasse zwischen Daressalam und Dodoma gebaut. Dennoch ist das Verkehrswesen bei Weitem nicht so leistungsfähig, wie es für ein Land mit derartigen Wachstumsraten sein sollte.

Bei aller Euphorie über den Aufschwung bleibt die Nachhaltigkeit offen. Die Wirtschaftsleistung ist auf Profitmaximierung ausgerichtet, was weder den Großinvestor noch den mittelständischen Jungunternehmer ausnimmt. Investitionen müssen sich sofort amortisieren; für Amortisationszeiten von Bauprojekten wie im Westen von 20 – 25 Jahren oder länger haben Tansanier höchstens ein mildes Lächeln übrig. Einheimische Unternehmer zahlen ihren Angestellten noch geringere Gehälter als Expats und investieren selten in Mitarbeiterqualifizierung. Geringes betriebswirtschaftliches Wissen wird durch hohe Verkaufspreise kompensiert; es herrscht wenig Bewusstsein für Qualität, Kundenfreundlichkeit oder gar ökologische Überlegungen.

Schwer quantifizierbar ist der informelle Sektor, der sowohl in ländlichen Gegenden als auch in der Stadt das Wirtschaftsleben beherrscht und kulturell tief verwurzelt ist. So basiert nahezu die gesamte Grundversorgung der Bevölkerung auf informeller Wirtschaftsleistung, egal ob durch Fischer von nebenan oder die Tomatenverkäuferin von der Straße.